Es ist uns nicht gelungen, innerhalb von drei Wochen genügend Geld zu sammeln, um die von Oliver Rohrbeck gelesene ungekürzte Little-Brother-Fassung unter Creative Commons ins Netz zu stellen. Hier kommt der angekündigte Erfahrungsbericht.
Bei der Umsetzung unseres Projekts bestanden folgende Herausforderungen:
Die Komplexität des Projekts
Unser Projekt hatte leider einen recht hohen Erklärungsbedarf, zudem in verschiedenen Milieus jeweils einen anderen. Die Creative Commons Lizenz ist zwar bei Netzbürgen bekannt und etabliert, doch dem breiten Normalpublikum ebenso wie vielen Medien nicht, fragmentarisch oder gar missverständlich vertraut. Das Prinzip des Street Perfomer Protocols wie auch insgesamt das Themenfeld alternativer Lizenz- und Verbreitungsformen (Copyleft, GNU GPL, FDL) sind Insiderthemen.
Auf der eher traditionellen Seite erforderte es wenig Mühe, die Unterschiede zwischen einer freien semiprofessionellen Produktion und einer professionellen Produktion zu erklären, die gleichzeitig das Ziel verfolgt, den Urheber angemessen zu vergüten. Hier wiederum musste auf der anderen Seite teilweise unerwartet intensiv argumentiert werden.
Vor diesem Hintergrund war es leider nicht möglich, unser Projekt markant und knapp zu kommunizieren, wie es sich eigentlich für eine gute Idee gehört.
Beispiel:
Dieses Gebäude ist ökologisch. Es bezieht Strom und Wärme nur aus regenerativen Energien und alle Baumaterialien sind biologisch abbaubar.
Eine gute Sache wird hier in knapper Form auf den Punkt gebracht. Gleichwohl sind komplexe Kenntnisse von Ökologie und Energiegewinnung vorausgesetzt, um so knapp formulieren zu können.
Die Folge: Ein großer Teil unserer Kommunikation widmete sich der „Aufklärung“.
Der kurze Sammelzeitraum
Der wahrscheinlich zentrale kritische Punkt unseres Projekts dürfte der kurze Sammelzeitraum gewesen sein. Dies war von Anfang an allen klar, auch den Kollegen von sellyourrights, die ihrerseits ebenfalls gerne eine Technik anbieten würden, die längere Sammelzeiträume ermöglicht. Leider wurde hierfür bisher in Deutschland im Gegensatz zu den USA kein besserer gangbarer Weg gefunden.
Die einzige Alternative wäre für uns gewesen, ein eigenes Verfahren zu entwickeln, das Kleinstspenden im großen Stile ermöglicht. Ohne hier zu weit ausholen zu wollen: Dies wäre für uns nicht zu leisten gewesen.
Sonderthema Paypal
Erst zum Ende unseres Sammelzeitraums häufte sich Kritik am Zahlungssystem Paypal. Hierbei wurde in der Regel vorausgesetzt, das “doch jeder wisse”, was für ein fragwürdiger Partner das sei.
Unser Partner sellyourrights hat sich für Paypal entschieden, weil dieser Anbieter der einzige in Deutschland verfügbare ist, der ermöglicht, Zahlungszusagen in Form von Kreditkartenautorisierungen zu sammeln und diese erst einzulösen, wenn die Aktion erfolgreich ist. Bei diesem Verfahren fließt also kein Geld, wenn die notwendige Summe nicht erreicht wird. Es entfällt der erhebliche Aufwand für etwaige Mahnungen, Rücküberweisungen, Buchführung der Einzahlungen etc., alles Strukturen, die anderweitig weder vorhanden noch finanzierbar gewesen wären (es sei denn, man hätte diese Overheadkosten transparent gemacht, hierfür mehr Geld einsammeln müssen und für Akzeptanz hierfür geworben).
Natürlich können wir die Skepsis gegenüber Paypal nachvollziehen. Allerdings bezieht sich diese auf Punkte, die im Falle unseres Projekts nicht zutreffen: Der fragwürdige Umgang mit Nutzerdaten von Inhabern eines Paypal-Kontos sowie der in der Kritik stehende Verkäuferschutz.
Im Falle unseres Projekts war es nicht erforderlich ein Paypal-Konto zu haben, bzw. ein solches zu eröffnen. Paypal diente uns lediglich als Zahlungsschnittstelle. Es bleibt jedem unbenommen, hierbei dennoch Bedenken zu haben, wie dabei mit den Daten umgegangen wird. Allerdings treffen diese Bedenken dann auf jeden anderen Abwickler in gleichem Maße zu. Bei jeglichem online abgewickelten Bezahlvorgang, sei es per Kreditkarte oder Lastschrift werden bei jeder am Markt befindlichen Abrechnungsgesellschaft unweigerlich Daten erzeugt, übermittelt und gespeichert, wobei ein Missbrauch nicht kategorisch ausgeschlossen werden kann. Selbiges gilt natürlich auch für Daten die bei jeder kontoführenden Bank entstehen. Dies ist allerdings eine Thematik von allgemeiner Relevanz und betrifft nicht spezifisch unser Projekt.
Das Thema Verkäuferschutz, das insbesondere im Zusammenhang mit ebay zum Tragen kommt, betrifft unser Projekt nicht, hat allerdings ebenfalls zur Folge, dass Paypal bei manch einem ungute Assoziationen auslöst.
Zu diesem Punkt halten wir also fest, dass wir bei der Abrechnungsgesellschaft nicht die freie Wahl hatten und der Einsatz von Paypal gerade in Verknüpfung mit der Intention des Buchs, um das es uns geht, sicherlich unserem Projekt nicht gedient hat.
Marketing/PR
Nach unserem Verständnis des Projekts schied ein klassisches Marketing aus. Schließlich machen Marketingausgaben einen nennenswerten Teil der Verlagskalkulation aus und werden natürlich in die Verkaufspreise von Unterhaltungsmedien eingerechnet. Dies wiederum wird gerade auf Seiten der Open Access Befürworter der “Verwertungsindustrie” (Verlagen, Filmproduzenten, Musiklabels) vorgeworfen, insbesondere unter dem Blickwinkel, dass nur ein kleiner Teil des Verkaufserlöses den Künstler erreicht.
Unser Konzept war es, intensiv im Netz zu kommunizieren, in Blogs, Foren, Sozialen Netzwerken etc.
Zwar fallen hierbei keine Werbegelder an, doch steht dem ein erhebliches persönliches Engagement der involvierten Mitarbeiter gegenüber. Dieser Weg hat uns bei unserem Projekt besonderen Spaß gemacht.
Allerdings wirkte sich auch hier die Kürze des Sammelzeitraums ungünstig aus. Schließlich musste, ohne dass hierfür im Vorhinein Zusagen einholbar gewesen wären, in sehr kurzer Zeit eine möglichst große Community erreicht werden. Zahlreiche Blogs haben über uns berichtet, uns verlinkt, viele haben unsere Informationen weiter getwittert und viele haben unser Widget gestreut. Leider ist es uns allerdings nicht gelungen, gerade die ganz großen Multiplikatoren zu erreichen: Spiegel online, der Heise-Ticker und netzpolitik.org konnten wir nicht dafür begeistern, über unser Projekt zu berichten. Sämtliche Kontaktversuche blieben ohne Reaktion. Dies ist diesen Plattformen natürlich völlig unbenommen. Wir räumen allerdings ein, dass wir im Vorfeld sehr zuversichtlich waren, von ihnen begleitet zu werden.
Erfolglos waren wir auch damit, die Piratenpartei einzuladen, sich kritisch oder auch unterstützend mit unserem Projekt auseinanderzusetzen. Bei einem Besuch eines Treffs des Berliner Landesverbandes haben wir einen interessanten und persönlich angenehmen Abend verbracht. Konstruktive Wege zu entwickeln und auszuprobieren, wie zukünftig ein Interessenausgleich zwischen Urhebern und Verwertern auf der einen Seite und dem Interesse nach Open Access auf der anderen Seite beschaffen sein könnte, war noch im Bundestagswahlkampf 2009 ein zentrales Piratenthema. Auch das Thema von Little Brother weist erhebliche Überschneidungen mit zentralen Themenfeldern der Piratenpartei auf. Trotz allem ist es uns leider nicht gelungen, die Partei oder auch ihre Anhänger über entsprechende Kontaktversuche wenigstens für eine kritische Begleitung unseres Projekts zu gewinnen.
Etwas Seltsames
Eine Beobachtung gibt Rätsel auf: Unser Widget enthält rund 30 Minuten Hörproben in sehr guter Klangqualität, die unmittelbar durch ein Anklicken des Play-Buttons auf der Oberfläche aufgerufen werden können. Komischerweise wurde dieser Klick sehr viel seltener getätigt als ein Klick ins Bezahlmodul. Nach unserer Einschätzung wäre dieses Material für jeden Cory-Doctorow-Fan interessant, egal wie er zu unserem Projekt steht.
Wir haben in vielen Diskussionen, in denen mitunter auch gemutmaßt wurde, inwieweit unsere Produktion sich wohl vom Fanhörbuch von Fabian Neidhardt abhebt, immer wieder auf diese Hörproben hingewiesen und mussten mitverfolgen, wie dessen ungeachtet über die Beschaffenheit unserer Produktion spekuliert wurde. Blogeinträge, Kommentare, Tweets o. ä., die in irgendeiner Richtung die Qualität unserer Produktion beurteilten, gab es praktisch gar nicht. All das ist umso erstaunlicher, als wir mit Oliver Rohrbeck einen der zweifellos beliebtesten deutschen Hörbuch- und Hörspielsprecher anzubieten haben.
Ein erste Fazit
Es ist uns gelungen, innerhalb von drei Wochen etwa ein Fünftel der benötigten Summe einzusammeln. Das ist einerseits nicht genug und auch weniger, als wir erhofft haben. Auf der anderen Seite ist es eine der höchsten Summen, die bisher in Deutschland für ein SPP-Projekt (Street Performer Protocol) gesammelt wurde. In den USA, wo mitunter sogar für Spielfilmproduktionen sechstellige Summen erfolgreich eingeworben werden, stehen Tools zur Verfügung, die wesentlich längere Sammelzeiträume zulassen. Auch dort wird innerhalb von drei Wochen selten mehr Geld eingeworben. So gesehen war unser Vorhaben vielleicht von vornherein zu ambitioniert. Wenn wir jedoch sehen, welch positiven Effekt beispielweise eine Meldung in Blogs wie Literaturcafé, Spreeblick oder Plattformen wie Golem und gulli.com für unser Projekt hatte, erscheint es vorstellbar, dass unser Projekt bei einer Berichterstattung etwa durch Spiegel Online oder Netzpolitik hätte gelingen können.
Also ist dieses Projekt in der gegebenen Spezifikation gescheitert. Nicht gescheitert ist jedoch unsere Überzeugung, dass sich mit diesem oder einem ähnlichen Vorgehen zukünftig sinnvolle Projekte realisieren lassen. Die Erkenntnisse, was bei zukünftigen Projekten anders oder besser gemacht werden könnte, liegen auf der Hand. Die hier erfolgte Offenlegung dient vielleicht auch anderen Anbietern als Leitfaden, über ähnliche Projekte nachzudenken.
Und was passiert nun mit Little Brother?
Little Brother gibt es nun in verschiedenen Formen (s. Linkliste) auf der rechten Seite. Wir überlegen noch, ob wir in Richtung einer professionellen ungekürzten Version unter freier Lizenz noch einen anderen Ansatz finden und freuen uns in diesem Zusammenhang auf weiterhin kritische, ermutigende und inspirierende Kommentare!